1.6 Zusammenfassung

In dieser Lerneinheit drehte sich alles um die Frage, wie Informationen klassifiziert werden können, um einfach auffindbar zu sein. Für klassisches Browsing sind hierarchische Klassifikationssysteme gut geeignet. Je nach Beschaffenheit der zu strukturierenden Content-Elemente kann alternativ oder zusätzlich eine Facettenklassifikation zur inkrementellen Einschränkung der potenziell relevanten Informationen zum Einsatz kommen.

Es gibt also nicht das beste Klassifikationssystem. Vielmehr muss zweckorientiert entschieden werden, welche der vorgestellten Varianten für ein bestimmtes Szenario am besten passt. Im Idealfall wird die NutzerIn das verwendete Klassifikationssystem gar nicht wahrnehmen, da es völlig ihrer verinnerlichten "Sicht der Dinge" (ihrem mentalen Modell) entspricht und sie – quasi ohne nachzudenken – in dem System navigiert.

Für viele Domänen existieren bereits etablierte, z. T. auch standardisierte Klassifikationssysteme. Bevor Sie mit viel Aufwand Ihr eigenes Klassifikationssystem entwickeln, recherchieren Sie auf jeden Fall nach solchen bestehenden Lösungen. Selbstverständlich kann es im Einzelfall beabsichtigt sein, von bestehenden Lösungen bewusst abzuweichen, um deren Defizite auszumerzen, sich von der Konkurrenz abzuheben oder auf spezielle Rahmenbedingungen einzugehen. Jedoch sollte auch in solchen Fällen die Verständlichkeit der gewählten Bezeichnungen und Strukturen oberste Priorität haben.

Sofern sich keine klare Präferenz für ein bestimmtes Klassifikationssystem abzeichnet, lassen sich in Softwaresystemen/Websites – im Gegensatz zum physischen Business (Supermarkt, Möbelmarkt, Bekleidungsgeschäft) – problemlos mehrere alternative Klassifikationssysteme parallel betreiben. So können z. B. Möbel anstelle von Raumtyp (Wohnen, Schlafen etc.) problemlos auch nach Hersteller, nach Preisgruppe, nach Holzart etc. klassifiziert werden. Auch lassen sich Artikel/Contents ohne Schwierigkeiten in mehr als eine Kategorie einordnen, so dass sie über verschiedene Browsing-Pfade gefunden werden können.

Dies kann allerdings für NutzerInnen verwirrend sein, die sicher sein wollen, alle für sie relevanten Contents gesehen zu haben. Durch die Platzierung desselben Content in verschiedenen Kategorien ist per Browsing nur schwer abzuschätzen, wie viele verschiedene relevante Contents es überhaupt gibt. Dass man beim Browsen immer wieder auf denselben Content stößt, kann darüber hinaus frustrierend sein. Letztlich ist Browsing hierfür der falsche Ansatz. Die Software/Website sollte zusätzlich eine Suchfunktion anbieten, um ganz gezielt die relevante Ergebnismenge zu ermitteln.

Besucht eine NutzerIn erstmals Ihre Website, empfiehlt es sich, ihr einen Eindruck von Umfang und Vielfalt des Content- bzw. Produktangebots zu vermitteln, nach dem Motto: "Hier finden Sie bestimmt, was Sie suchen!" Dies sollten Sie allerdings nicht tun, indem Sie Ihre Site mit Links, Bildern und komplexen Klassifikationen überladen, sondern eher mit einzelnen, speziellen Content-/Produkt-Features und kleinen Auszügen des Klassifikationssystems (Hauptkategorien und Auszüge der Subkategorien).

Eisberg wodtke.png

[Wodtke2009] verwendet hierzu die Metapher des Eisbergs (siehe Abbildung): Die NutzerIn entspricht dabei der Schiffsbesatzung, die nur die Spitze des Eisbergs sieht, daran jedoch ungefähr abschätzen kann, wie groß dieser unterhalb der Wasseroberfläche sein wird. Als InformationsarchitektIn haben Sie die Aufgabe zu entscheiden, welcher Teil des Eisbergs zu sehen sein muss, um die NutzerIn adäquat zu informieren.



  • Wodtke2009 Christina Wodtke et al. Information Architecture – Blueprints for the Web. 2. Auflage, New Riders, 2009.