1.2.2 Erstellung von hierarchischen Klassifikationssystemen

In [Kiel2002] wird folgendes Vorgehen vorgeschlagen, um ein Klassifikationssystem systematisch in mehreren Stufen zu erstellen:

  1. Legen Sie den Bereich und den Zweck des Systems fest und recherchieren Sie, ob es für diesen Bereich bereits ein etabliertes Klassifikationssystem gibt, das für den festgelegten Zweck geeignet und verfügbar ist. (Falls ja, fertig.)
  2. Grenzen Sie genau ab, welche Instanzen zum System gehören und welche der Umwelt zugerechnet werden sollen.
  3. Spezifizieren Sie für die systemrelevanten Instanzen Klassen derart, dass die Instanzen möglichst gleichmäßig in die Klassen fallen, und benennen Sie die Klassen so, dass von der Zielgruppe ein gemeinsames Verständnis der Klassennamen zu erwarten ist.
  4. Untersuchen Sie Ihre Klassen kritisch im Hinblick auf Trennschärfe und Nachvollziehbarkeit der Einteilung. Revidieren Sie die Klassenstruktur und -benennung, soweit erforderlich.
  5. Untersuchen Sie, ob das System sich bei neuen Entwicklungen als anpassungsfähig erweisen würde.
  6. Beobachten Sie, ob sich das System im Praxiseinsatz bewährt, und eliminieren Sie kontinuierlich festgestellte Schwachstellen.

Card Sorting

In der IA-Community wird ein ähnliches Vorgehen oft als Card Sorting bezeichnet. Im Vordergrund steht hierbei die Einbindung der späteren NutzerInnen in den Spezifikationsprozess mit dem Ziel, deren Mentales Modell der Domäne zu verstehen. Auf diese Weise sollen Klassifikationssysteme entstehen, durch die User intuitiv ("ohne nachzudenken") navigieren können, da sie eine hohe Kongruenz zum jeweiligen Mentalen Modell aufweisen. [Schilb2005] beschreibt den typischen Ablauf des Card Sorting wie folgt:

Vorbereitung

  1. Beschaffen Sie sich eine handhabbare Anzahl von Pappkärtchen (ca. 30-100).
  2. Schreiben Sie auf jede Karte den Namen einer Instanz der Domäne, z. B. den Namen eines Artikels, eines Rezepts, eines Musikalbums, einer Sportart. Achten Sie darauf, Instanzen mit vergleichbarem Detaillierungsgrad zu verwenden und diese eindeutig zu benennen.
  3. Legen Sie ProbandInnen (eine oder mehrere) fest und laden Sie diese ein. Probanden sollten möglichst zur Zielgruppe der zu entwickelnden Website gehören.
Hinweis

Nach obigem Vorgehen steht jedes Pappkärtchen stellvertretend für eine zu klassifizierende Instanz. Je nach Art der Instanzen können Sie anstelle solcher Stellvertreter auch die Instanzen selbst zum Card Sorting heranziehen. So wird das Card Sorting dann in seiner konkreten Ausprägung zum CD Sorting, Book Sorting, Recipe Sorting or whatever.

Durchführung

  1. Stellen Sie den ProbandInnen die Card-Sorting-Methode vor.
  2. Lassen Sie die ProbandInnen nacheinander die Karten (bzw. Instanzen) gruppieren (sortieren, Stapel bilden), ohne irgendwelche Vorgaben zu Gruppierungskriterien zu machen.
  3. Lassen Sie die ProbandInnen jeweils ihre Stapel (Cluster, Gruppen, Kategorien) benennen.

Analyse und Aufbereitung

  1. Identifizieren Sie wiederkehrende Muster (sog. Data-Eyeballing): Welche Kategorien haben die ProbandInnen bevorzugt erstellt bzw. benutzt?
  2. Diskutieren Sie mit den ProbandInnen, warum sie ihre Gruppierung so und nicht anders vorgenommen haben. Haben alle dieselben Gruppierungskriterien verwendet, z. B. CDs nach Genre, oder gibt es Varianten, z. B. nach Erscheinungsjahr, nach KünstlerIn, nach Plattenfirma, nach Farbe? Typischerweise wird sich ein schwerpunktmäßig verwendetes Gruppierungskriterium (aka Organisationsschema) herauskristallisieren.
  3. Richten Sie das System nach diesem dominierenden Organisationsschema aus (z. B. CDs nach Genre). Versuchen Sie, die Karten bzw. Instanzen derjenigen Kategorien, die nicht diesem Organisationsschema folgen (z. B. Alben der Plattenfirma Tamla Motown), sinnvoll auf andere Kategorien zu verteilen.
  4. Widmen Sie sich nun denjenigen Kategorien, die partout nicht in das Organisationsschema passen. Handelt es sich um einen einzigen "Querschläger", sollten Sie diesen aus Ihrem "sauberen" Schema heraushalten. Sind es mehrere, müssen Sie entscheiden, wie Sie mit ihnen umgehen wollen, z. B. durch einen Sonderbereich auf Ihrer Website, der diesen speziellen Instanzen eine Heimat gibt.
  5. Gehen Sie kritisch über den aktuellen Stand und optimieren Sie Kategorienamen, sofern erforderlich. Falls es sehr große und sehr kleine Kategorien gibt, versuchen Sie sie sinnvoll zu splitten bzw. zusammenzufassen.

Eine Variante dieses Verfahrens ist das sog. Closed Card Sorting, welches insb. im Rahmen von Redesigns und Relaunches von Websites zum Einsatz kommt. Hierbei handelt es sich um einen Top-Down-Ansatz, bei dem die Kategorien bereits vorgegeben sind und die ProbandInnen die Karten bzw. Instanzen auf genau diese Kategorien aufteilen müssen.


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  • Kiel2002 Ewald Kiel et al. Einführung in die Wissensorganisation – Grundlegende Probleme und Begriffe. Ergon, 2002.
  • Schilb2005 Steffen Schilb. Card Sorting for Information Architecture - Usage Areas, Methods and Samples. Quelle, 2005.